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29. Raquas 1506
TH
Nach der doch recht aktiven Nacht schliefen wir länger als sonst,
und erschienen entsprechend später als gewohnt zum Frühstück.
Während Ilaris und ich uns um unsere Wunden kümmerten und die
Gruppe sich generell dem Früchstück widmete, versuchte Valentin verzweifelt,
sich von unserer trollischen Wirtin (mit dem hübschen Namen 'Fussbrecher') beim
Verhandeln über's Ohr hauen zu lassen.
Als er erfolglos (und entsprechend etwas niedergeschlagen) zu uns zurückkehrte,
hatte Pyco wieder mal genügend Bier intus, dass er eifrig mit Fussbrecher flirtete
(und - natürlich - trank). Es ist doch immer wieder erstaunlich zu sehen, wie wenig
Bier ein solch heruntergekommender Alkoholiker verträgt; vermutlich war der Trinkerfolg
von gestern Nacht nur darauf zurückzuführen, dass der Tskrang bereits den Grossteil
seines Blutes in Alkohol umgesetzt hatte.
Glücklicherweise schien unsere Wirtin auch ein wenig an den Folgen des letzten Abends
zu leiden und war entsprechend nicht allzu gesprächig. So schaffte es Pyco lediglich, ihr
ein wenig Stickzeug abzukaufen. Ja, geneigte Zuhörer, Stickzeug. Bitte frage mich nicht,
was in dem kleinem alkoholgetränktem Gehirn für eigentümliche Gedanken leben wie Fliegen
im Teer...
Kaum sah Valentin, dass man bei der Wirtin leicht sein Geld verschwenden konnte, kam er
auch schon angeflattert und fragte nach Tätowierungswerkzeug. Fussbrecher kramte daraufhin
in einer Schublade, die augenscheinlich als Mülldepot dient.
Neben einigen Fliegen, Pergamentkrümeln, Essensresten und toten Käfern fand sie dann
auch eine rostige, krumme Nadel und etwas blaue Tinte. Hochbeglückt zahlte Valentin
ihr ein Vermögen und kehrte strahlend zu uns zurück.
Ich muss gestehen, dass ich mich wie die meisten Elfen mit den kleinen Windlingen recht gut
verstehe, aber dennoch lehnte ich entsetzt ab, als er dann seine Tätowierungskünste anbot
und dabei mit der Nadel fuchtelte, die ihm ebensogut als Dolch dienen könnte.
Auch die anderen Gruppenmitglieder, soweit sie vom Essen aufsahen (bzw. vom Bier), lehnten
sein Angebot hohnlachend ab.
Es ist bekannt, dass sich Trinker schnell mit anderen Alkoholabhängigen anfreunden, und
so tauchte auch bald der Tskrang von gestern auf, setzte sich neben seinen Busenfreund
Pyco, und sabbelte ihn mit irgendwelchen uninteressanten Geschichten zu. Eine verkrachte
Existenz, welche schon seit langem hier im Gasthof wohnt, seine Ziele längt im Suff vergessen
hat, und uns alle (selbst Pyco!) entsetzlich langweilte. So fanden wir uns früher als
erwartet wieder an der frischen Luft.
Während ich den schönen sonnigen Tag genoss und mich daran erfreute, wieder einen Himmel
über dem Kopf zu haben, diskutierte der Rest der Gruppe gierig, ob sie nicht eventuell die
Kiste des Magiers öffnen sollten. Auf ihren sonst eher leeren Gesichtern konnte man leicht
die Gier nach leichtverdienten Schätzen ablesen. Als ob diese Einfaltspinsel etwas mit
den Besitztümern hochstufiger Magier anfangen könnten! Sie erinnerten mich an eine Horde Affen,
die mit völligem Unverständnis in eine Waffenschmiede schauen und überlegen, ob sie nicht die
schöne gelbe 'Blume' im Herd klauen sollten.
Bevor ich dem Pack klarmachen konnte, dass ich eine mir anvertraue Sache nicht stehlen würde,
kamen sie auch schon auf die erstaunlicherweise gute Idee, die Kiste per Astralsicht zu
untersuchen. Nun bin ich Krieger, und verstehe von der Astralsicht wenig. Ich weiss aber, dass
sich Magier damit sogar gut auskennen, und war entsprechend amüsiert als unser Troll freudig
erregt feststellte, dass er die Astralsicht ja schon seit Jahren beherrscht.
Geneigter Leser, wieviele Trollmagier kennt Ihr? Keine? Ich kenne nur einen. Als Kämpfer
sind sie sehr gut zu gebrauchen, und ich habe sie gerne neben mir in der Schlacht, aber
zu Magiern taugen sie wenig.
Jedenfalls stellte Derer von Crater fest, dass die Kiste Magie enthielt (wie war ich
überrascht!), die ihm allerdings zu hoch war (wieder kam ich aus dem Staunen nicht heraus).
Von ihrer inherenten Feigheit wieder übermannt, kam die Gruppe zur Einsicht, dass die
Kiste ungeöffnet in meinem Rucksack bleiben könnte.
Während Pyco versuchte, die Aufmerksamkeit irgendwelcher blöde grinsend daherstolpernder
Reisender auf sich zu ziehen, beschlossen wir, uns endlich wieder auf den Weg zu machen.
Ich hinterliess die Ohren der Orcs (ein kleiner Haufen von sechzehn Stück) auf dem Weg um
eventuelle Verfolger zu warnen, und so verlief die Reise sehr ruhig und angenehm.
Die Sonne strahlte vom Himmel, die Berge im Süden rückten etwas näher, und die Umgebung
wurde hügeliger. Manche von uns pflegten Abends das Karmaritual, während Pyco an seiner
Flasche zog und wohl meinte, dass wir dies nicht bemerken würden. Kein Wunder macht sein
bleicher, ausgemergelter Körper einen so gepökelten Eindruck.
30. Raquas bis 7.
Sollus 1506 TH
Sieben Tage währte die Reise, die ich sehr genoss. Vögel, Büsche,
Wolken, Bäume, Nachts die Sterne - ich werde wohl nie verstehen,
warum der Rest der Gruppe sich anscheinend schrecklich langweilte
und anfing, vor sich hin zu mosern. Ebenso unverständlich war mir,
wie man ohne Körperpflege den Tag anfangen kann - jedenfalls
versuchte ich nach Kräften, mich unauffällig windauf zu halten,
zumal Derer von Crater mit Furzen drohte (welch grausiger Gedanke,
und wie gut er zu Trollen passt).
Am Tag vor unserer geschätzten Ankunft sahen wir Rauch voraus. Irgendetwas
brannte, und ich hoffte von Herzen, dass es sich dabei um den Blutwald handeln würde. Leider
war dies nicht der Fall - beim vorsichtigem Weiterreiten bemerkten wir bald den Gestank von
verbranntem Fleisch (als hätte Ilaris wieder gekocht). Und so stolperten wir bald über einen
entsetzlichen Anblick: eine kleine Karavane von vier Wagen war augenscheinlich von einem
Dämonen überfallen wurden. Die Kadaver von Pferden und Namensgebern lagen in Stücke gerissen
um die brennenden Wagen herum, Trümmer und verbogene Waffen warum überall vertreut.
Valentin kam auf die gute Idee, das Chaos aus der Luft zu untersuchen. Leider dachte er nicht daran,
dies aus geringer Höhe zu tun, und so war ich es, der zuerst die Fussspuren sah: irgendetwas
mit riesigen, krallenbewehrten Hufen war für die Verwüstung zuständig.
Mein geschätztes Publikum wird wissen, dass ich mich vor Dämonen graue (und wahrlich, wer tut
dies nicht?) und wird mir verzeihen, wenn ich zugebe, dass ich den nach Süden führenden Spuren
nicht folgen wollte. Obwohl sie sonst gerne wie Lemminge in ihr Verderben rennen, wollten
die Anderen dies zum Glück auch nicht, und so ritten wir schaudernd weiter.
Ich war sehr erleichtert, als diese Nacht ereignislos verlief.
8. Sollus 1506 TH
Es stellt sich heraus, dass Valentin wohl doch mehr frisst, als er dachte (man fragt sich,
wie diese kleinen Flügel seinen Schmerbauch in der Luft halten können). So ging ihm das Essen
aus, und wir mussten ihn von unseren Tagesrationen ernähren.
Den Rest des Tages hatte ich immer noch den ekelhaften Geruch brennenden Fleiches in der Nase,
aber immerhin kamen wir nach einem ereignislosem Ritt Abends am Blutwald an und schlugen direkt
am Waldrand unser Lager auf.
Ich muss sagen, dass ich nicht gerne hier bin. Hier wohnt Alachia, einst unser aller
Königin, bis sie meinte, dass sie die Dämonen auf ihre Weise abwehren könnte. Wiederspruch war
unerwünscht, und so geschah es zum allerersten Mal, dass die Elfen sich untereinander zerstritten.
Natürlich versagte ihre lächerliche Verteidigung, und Ihre Anhänger mussten ihre eigenen Dämonen
erfinden, um sich zu retten - so wurden die Blutelfen geboren. Eine hässliche Sache. Und jetzt
stehe ich hier vor dem einst so schönem Wald, der unser Zentrum in sich barg - ein Zentrum,
welches inzwischen vergiftet und ruiniert ist, von Schmerzen zerfressen.
9. Sollus 1506
TH
Früh am nächsten Morgen drangen wir in den Blutwald vor. Natürlich ging ich an erster Stelle,
während die Anderen sich ängstlich hinter meinem Rücken versteckten. Gerade Pyco bestand darauf,
in der genauen Mitte der Gruppe zu gehen, um sich in maximaler Distanz von möglichen Kampfhandlungen
zu finden. Weiss er denn nicht, dass Elfen die Mitte immer zuerst angreifen?
Sehr bald stiessen wir auf einen Blutelf. Ein fürchterlicher Anblick - Dornen dringen ihm aus der
Haut, dünne Blutströme fliessen aus den nicht heilenden Wunden. Wäre dies ein Mensch, ein Troll oder
ein Oger - es wäre mir egal. Aber die natürlich Schönheit und Eleganz von Elfen dermassen zu
verunstalten... ugh.
Ich unterdrückte meine Reaktion nach Kräften und zeigte ihm den Runenstab als Passierschein. Der
Wächter wies uns daraufhin den Weg zum Zentrum: ein Weg, der sich von alleine vor uns auftat und
sich leise raschelnd wieder hinter uns schloss.
Am frühem Abend erreichten wir so den Palast der 'Königin' Alachia. Dieser sah immer noch sehr
prächtig aus: acht riesige Bäume wuchsen gen Himmel und verflochten sich zu einem Ganzen. Überall waren
grosse und schöne Elfenbauten zu sehen, auch wenn sie vielleicht eher Elfen auffallen, da sie mit den
kruden Steingebilden anderer Rassen wenig gemeinsam hatten.
Nur bei genauerem Hinsehen merkte man, dass die Schönheit einen Fehler hatte - wie ein versteckter
Sprung in einem Kristallgoblet. Irgendetwas störte, verdarb den Gesamteindruck, erinnerte an
einen leicht fauligen Geruch bei einem Bankett.
Natürlich bekam der Rest der Gruppe davon nichts mit. Wie Bauerntrampel gafften sie mit offenem Mund
die Umgebung an und kamen aus dem Staunen nicht heraus. Allerdings fühlten auch sie sich anscheinend
etwas unwohl, aber das lag wohl eher daran, dass ihnen der gewohnte Dreck fehlte. Hier fanden sich keine
Abfälle um die Gebäude herum, kein Uringestank in den Ecken, kein Schlamm auf den Wänden. Kein Wunder
fühlten sie sich fremd. Einzig der Windling schien eine leise Ahnung der Verderbtheit zu haben.
Natürlich wurden wir bereits erwartet. Auch wenn die dumpfe Gruppe davon natürlich nichts mitbekam,
hatte ich doch auf dem Weg hierher die Späher und Wachen bemerkt. So wurden wir von einer
weiteren Wache begrüsst, welche einen Boten zu Takaris sendete und uns bat, einen Moment zu warten.
Sehr bald kehrte der Bote zurück, gefolgt von einem gewissem Kalurin. Obwohl ich mich immer noch nicht
an den entsetzlichen Anblick der Blutelfen gewöhnt hatte, war mir dieser Kerl doch besonders zuwieder,
und sein schleimiges Lächeln gefiel mir sehr wenig. Seine übertriebene aber gleichzeitig herablassende
Höflichkeit verbesserte meinen Eindruck nicht. Die Gruppe jedoch war begeistert, als er uns in einen
Warteraum neben den Empfangssaal führte und dort etwas minderwertigen Wein herausrückte.
Pyco grinste verzückt und lobte den viel zu jungen Wein in höchsten Tönen. Aber was erwartet man
auch von Namensgebern, welche noch nie richtige Elfennahrung zu sich genommen hatten.
Es war recht eindeutig, wie sehr sich Kalurin für die Kiste interessierte. Er konnte kaum die Augen
davon lassen, als ich sie herausnahm. Entsprechend verärgert war seine Reaktion als ich meinte, dass
wir die Kiste nur an Takaris aushändigen würden.
Takaris erschien kurz darauf - selbst für einen Elfen elegant gekleidet, war die Gruppe sofort von
ihm zutiefst beeindruckt. Bevor ich reagieren konnte, entriss mir Pyco wohl in Erwartung von mehr
Wein die Kiste und drückte sie ihm in die Hand. Nun zeigte auch Takaris ein schmieriges Lächeln,
gepaart mit einem gierigem Licht in denAugen, als er die Kiste öffnete und ihr eine in einen
Kristall eingebettete dunkle Rose entnahm.
Natürlich war es schon zu spät, ihn auf die Bezahlung anzusprechen, und seine Reaktion war auch genau
wie ich erwartete: er habe leider, leider das Blutefeu nicht zur Hand, aber wenn wir ihm bei einem
kleinem Auftrag helfen würden...
Die Schafe, Verzeihung, ich meinte, die Gruppe, glotzten ihn erstaunt an als er uns von einem
Sklavenhändler im Süden erzählte, der ihm Ärger bereitet. Auf die berechtigte Frage, was ihn die Welt
ausserhalb des Blutwaldes angehe meinte er, dass er eben doch ab und an den Blutwald verlässt und sich
dann von diesem Händler belästigt fühlt.
Ich selber hatte das deutliche Gefühl, dass er vom Sklavenhändler Fegis Kull betrogen worden war
und nun Rache suchte. Da Blutelfen tatsächlich fast nie den Blutwald verlassen (die Reaktion
anderer Namensgeber auf ihre Erscheinung ist eben doch sehr stark) wollte er uns die ganze
Geschichte aufbürden.
Es blieb uns tatsächlich keine andere Wahl. Mit unterschwelligen Drohungen geleiteten uns die
Blutelfen auf einen Weg Richtung Süden zurück. Auch mit der Gastfreundschaft war es vorbei,
gezwungenermassen folgten wir dem Weg zum Schlangenfluss am Waldrand.
Es war schon sehr spät als wir den Waldrand erreichten und dort unser Lager aufschlugen. Die Wachen
zogen sich zurück, obwohl ich deutlich merkte, dass sie uns aus sicherer Entfernung weiter
beobachteten. Die Gruppe jammerte
weinerlich über die entgangene Belohnung, fürchtete sich vor dem
Blutwald und überlegte, ob sie mit leeren Händen zum Magier in Haven
zurückkehren sollte. Ich hingegen sass auf meinem Lager und brütete
über das Schicksal der Blutelfen. Takaris hatte gesagt, dass diese
Rose in das Zentrum gehört, und nun die Heilung anfangen könne -
sollte das bedeuten, dass es eine Heilmöglichkeit für die Blutelfen
gäbe? Auch wenn dies ihren beschädigten Geist kaum retten könnte,
würden sie immerhin von ihren dauernden Schmerzen erlöst werden.
Vielleicht würde sogar der Palast wieder zum Zentrum der Elfen
werden?
10. Sollus 1506 TH
Mit diesem hoffnungsvollem Gedanken schlief ich ein, nur um kurz darauf von Derer von Crater geweckt
zu werden: eine Karavane zog die Strasse entlang. Schau an - Banditen. Drei Wagen, etwa zwanzig Orks
und Trolle, die uns natürlich nicht bemerkten.
Gehörte diese Gruppe eventuell zu Fegis Kull?
Ich weckte die Anderen, zog den angstschlotternden Pyco unter seinem
Baumversteck heraus und überredete die Gruppe, der Kolonne zu
folgen. Die Kolonne kehrte von der Strasse ab und zog querfeldein in
Richtung Süden. Die breite Trampelspur konnte man kaum verfehlen,
und so folgten wir in sicherem Abstand bis zu einem kleinem
Wäldchen, in dem die Wagen verschwanden.
Derer von Crater erspähte mit seiner Infrarotsicht zwei Wachen am Wegrand im Wald. Dies trompetete
er stolz hinaus, wobei er in seinem Eifer beinahe unsere Position verriet. Natürlich hatte ich die
beiden schon längst gesehen und schnitt die nun folgene Diskussion einfach ab, indem ich auf sie
zu ritt und den Runenstab vorwies. Dieser wurde auch problemlos anerkannt, und im Vorbeireiten fragte
ich beiläufig, ob der Chef denn auch schon da sei. Ja, war er.
Leider versuchten die Anderen, meine geschickte Befragungsmethode zu emulieren, und erweckten mit
ihrer Tollpatschigkeit das Misstrauen der Wachen, welches mir nur knapp zu zerstreuen gelang. So konnten
wir weiter dem Weg folgen und gerieten sehr bald in einen unnatürlichen Nebel. Dieser war anfangs auf
unangenehme Art körperwarm, wurde dann aber schnell kalt und klamm, was die Gruppe wieder zu einem
Angstgewimmer anspornte.
Der Nebel schien böse und geradezu bedrohlich, und ich war ziemlich erleichtert, als er sich lüftete
und den Blick auf eine grosse Lichtung freigab - woraufhin es um meine Erleichterung wieder geschehen
war. Vor uns erhob sich ein dreistöckiges Steingebäude mit einer kleinen Hütte ganz oben, von der ein
unangenehmes grünes Glühen ausging. Schlimmer aber war die Ganovengruppe, welche direkt davor campierte:
Fengis Kull!
Bevor ich mein diplomatisches Geschick ausspielen konnte, riss Derer von Crater sein missgestaltenes
Maul auf und sorgte für Ärger. Die anfänglich eher von Überraschung geprägte Stimmung schlug schnell
in Feindseligkeit um. Bogenschützen legten auf uns an, und Kull, ein grosser Mensch mit einer
auffallenden Tätowierung im Gesicht, befahl uns, die Waffen abzulegen. Unser Trollmagier kam nicht von
selbst auf die Idee, dass er als Magier seine Axt wohl kaum benötigen konnte, und musste erst von
Pyco überredet werden. Unser Elementarmagier hat tatsächlich ein geschicktes Mundwerk, sobald es
um sein Überleben geht.
Vorsichtig stiegen wir von den Pferden - und bevor ich reagieren konnte, bekam ich einen Schlag auf
den Kopf und verlor das Bewusstsein.
Der schmerzendem Schädel sorgte für ein langsames Erwachen. Zuerst ein erfreulicher Anblick: unsere
Waffen, sauber aufgeschichtet. Ein weiterer erfreulicher Anblick: keine Spur von den Ganoven. Dann ein
deutlich weniger erfreulicher Anblick: die Gruppenmitglieder lagen herum wie Mehlsäcke, betatschen
winselnd ihre Schädel und schauten verwirrt um sich. Auffallenderweise schien Pyco von den Kopfschmerzen
weniger belastet zu werden - es hat wohl doch Vorteile, fast jeden Tag mit einem Kater aufzuwachen.
Valentin flatterte zur Hütte nach oben und rief aufgeregt, dass er durch die Fenster Waffen und ein
Skelett erkennen könne. Ich selber ging um das Steingebäude herum und blieb wie angewurzelt stehen:
dahinter befand sich ein ganzes Dorf! Heruntergekommene Holzhütten, apathisch in der Gegend herumstehende
Menschen. Ich rief die Anderen, die erst keinen Unterschied zu einem typischem Dorf
feststellen konnten. Ich musste ihnen erst klarmachen, dass der Gesichtsausdruck der verfallen
aussehenden Bewohner selbst für Menschen unnatürlich war.
Kontaktversuche mit den erbärmlich aussehenden Bewohnern schlugen fehl. Mit leerem Blick murmelten sie
vor sich hin. Ausser Phrasen wie "Passt auf den Nebel auf", "Der Nebel hält uns gefangen",
"Niemand kann hier entkommen" war ihnen keinerlei echte Information zu entlocken.
Ganz anscheinend aber war alles unter der Kontrolle eines Dämonen, der in dem Steingebäude, einem Kaer,
sein Lager aufgeschlagen hatte.
Derer von Crater versuchte sich nützlich zu machen und probierte wieder seine Astralsicht aus, was
Pyco zum gehässigem Kommentar "Jetzt wo er seine Astralsicht gefunden hat, benutzt er sie ständig"
veranlasste. Obwohl ich ihm völlig zustimmte, sagte ich höflicherweise nichts. Immerhin benötigt man
keine Astralsicht, um von der Rückseite in das Gebäude zu sehen - die ganze Stirnwand war kollabiert
und lag in Trümmern auf dem Boden, woraufhin das Ganze einem Puppenhaus nicht unähnlich war.
Um Magie zu wirken, muss man einen Faden weben, das weiss jedes Kind. Sogar unser Troll. Nach einigen
Versuchen gelang ihm das auch, und seine Augen sahen noch leerer aus als sonst, als er in den
Astralraum spähte. Natürlich sah er dennoch nichts - wie üblich war die Astralsicht eine reine
Zeitverschwendung.
Ilaris und ich stiegen über die Trümmer zum Gebäude, ängstlich gefolgt vom Rest der Gruppe (irgendwie
muss ich bei deren Anblick immer an eine Hasenkolonie denken; klein, geduckt, immer fluchtbereit).
Sehr unerfreulich: durch ein schädelumrandetes Tor sah man einen Weg nach unten, und eine Wendeltreppe
aus schwarzem Marmor stieg nach oben. Links und rechts der Wendeltreppe befanden sich Steinstatuen
von Gargulen. Diese wirkten sehr lebensecht, und ich ging erst ganz sicher, dass es sich hier nicht
um eine Falle handelte, bevor wir die Treppe hinauf stiegen.
Der Raum im ersten Stock war voller Knochen. Die Tür voraus war verschlossen, wie Ilaris feststellte,
und reagierte auch auf meinen Tritt nicht. Valentin mussterte unseren riesigen Magier und schlug vor,
dass der Troll "Schlüssel spielen" sollte. Dieser jammerte vor Angst - er meinte, dass er sich an der
Tür die Schulter brechen könnte. Nach etwas gutem Zureden beruhigte er sich wieder, nahm den Daumen
aus dem Mund und rannte gegen die Tür an. Leider stellte er sich nicht sonderlich geschickt an, und
so hielt sie ihm stand.
Eine zweite Tür fand sich in der rechten Wand, aber diese war von der anderen Seite blockiert. Die
Gruppe stand ratlos herum und war sehr erstaunt, als ich einfach aussen um die Wand herumkletterte -
immerhin fehlte die Aussenmauer. Hier sah ich schnell, dass die Tür von einem grossem Stahlträger blockiert
war - und einer Ansammlung Leichen, der die Blockierung wohl nicht viel geholfen hatte. Zusammen mit
Ilaris räumte ich die Tür frei und liess die Anderen in den Raum hinein, welcher eindeutig eine
Schmiede war. Auch dort fand sich eine Tür in der hinteren Wand, die allerdings offen war und nur
in einen kleinen Schlafraum voller alter Strohmatter führte.
Ein blauer Blitzlicht erhellte den ersten Raum: Valentin ist zwar sehr klein, verfügt aber über
nützliche Zauber wie eben den Blitzschlag, den er auf das störrische Schloss geworfen hatte. Dieses
schmolz teilweise, ging aber immer noch nicht auf. Pyco wollte sich sich profilieren und griff das
Schloss mit Erdpfeilen an (diese Erdpfeile, bestehend aus Schlamm, Erde und Steinchen, passen
irgendwie perfekt zum Aussehen unseres Elementarmagiers - anscheinend ist eben die Erde sein
beliebtestes Element). Ilaris trat gegen die Tür, die diesmal deutlich nachgab.
Derer von Crater wollte auch Magie verwenden (jetzt kommt er auf die Idee, dass er ja Magier
ist!), aber ich kam ihm zuvor und riss das beschädigte Schloss einfach heraus. Ich öffnete die
Tür, trat hindurch - und wurde empfindlich von meinen Waffen verbrannt, die sich plötzlich stark
aufheizten. Ich konnte den Waffengürtel gar nicht schnell genug lösen, um die heissen Dinger zu Boden
fallen zu lassen. Staunend betrachte ich den Raum dahinter: eine Statue von Garlin (von der Passion
Heim und Heilung) stand in der Mitte, vor einem schönem Altar. Ein Gefühl von Ruhe und Frieden überkam
mich - der Raum schien als einziger unberührt und rein.
Ilaris folgt mir, aber trotz meiner schmerzhaften Erfahrung merkte er nicht, dass in diesem Raum keine
Waffen zugelassen sind - entsprechend warf er schreiend seine rauchende Klinge von sich.
Wir stiegen ein Stockwerk höher und fanden wieder einen Schlafraum voller alter, vergammelter
Strohmatten. Ich machte mir bereits Sorgen, dass einer der Gruppe die käferverseuchten Dinger
vielleicht mitnehmen würde, aber zum Glück dachte keiner daran. Hinter der Tür rechts fand sich ein
fast leerer Essensraum, im Zimmer dahinter die Küche. Auch die Küche hatte eine weiterführende Tür,
vermutlich zu einer Vorratskammer.
Und ausgerechnet in der Küche wurden wir angegriffen - aus einem Dreckhaufen in der Ecke erhoben
sich ein Dutzend kleine geflügelte Würmer mit einem auffallendem Gebiss. Ich riss die Klinge aus der
Scheide und schlug zu. Die Mistviecher flatterten wild mit ihren Fledermausflügeln umher und waren
gar nicht so leicht zu treffen. Dennoch färbten sich die Wände schnell vom Blut der Würmer schwarz
während sich die Schlacht entfaltete.
Als kleines Kind sah ich einmal etwas erstaunliches: ein Zwerg machte einen Berserkergang ohne Helm
und Schild. Seine Axt war nicht aufzuhalten, während er sich wild heulend auf seinen Gegner
stürzte. Er starb erst, als jemand einen Amboss aus dem drittem Stock auf ihn fallen liess.
Ich war damals sehr unglücklich, als mein Vater mir erklärte, dass man zum Berserker geboren wird -
dieser Blutrausch ist nicht etwas, was man einfach erlernen kann. Dennoch versuche ich es seither
in jedem anständigem Kampf - vielleicht kann ich es ja wenigstens teilweise erlernen?
Als die Schlacht gerade richtig aufregend wurde, wanden sich die Würmer zur Flucht - und siehe da,
von hinten sind sie ganz leicht zu treffen! Ich holte einen mit einem gezieltem Hieb aus der Luft,
ein Blitzschlag liess einen weiteren platzen wie altes Fallobst... alle bis auf einen wurden innerhalb
von Sekunden niedergemacht. Der Letzte versuchte, in eine enge Röhre zu fliehen, wurde aber von mir
aufgespiesst wie ein Regenwurm am Angelhaken.
Valentin machte die Tür zur Vorratskammer auf und fiel durch den herausquellenden Geruch fast nach
hinten über. Ganz eindeutig ist das Essen darin nicht mehr ganz frisch. Selbst Pyco (eigentlich
an Gestank gewöhnt) wurde ganz grün im Gesicht. So schlugen wir die Tür zu und erholten uns
erst etwas, bevor wir die Wendeltreppe auf's Dach stiegen.
Nun fanden wir uns endlich ganz oben, mit einer schönen Aussicht über das Dorf und den umgebenden
Wald. Allerdings achteten wir nicht darauf, denn auf dem Dach sahen wir jetzt die Hütte aus der Nähe.
Eigentümliches grünes Licht kam aus den Fenstern, und dahinter konnte man deutlich einen Geist im
Raum über einem Haufen alter Waffen schweben sehen.
Ilaris öffnete die Tür, und der Geist drehte sich herum. Von vorne erkannte man, dass es sich dabei
um eine (ehemalige) Frau handelte, mit langen, scharfen Fingernägeln. Sie forderte Ilaris zum Tanz
auf, was dieser auch sofort annahm. Ich weiss nicht, ob dies nun beeindruckend oder eine schreiende
Dummheit war, aber er tanzte mehrere Minuten mit dem Geist und sah dabei immer schwächer aus.
Ilaris kann erstaunlich charmant sein (für einen Menschen jedenfalls) und der Geist sah zunehmend
vergnügt aus. Plötzlich hielt der Geist den Tanz an und verwandelte sich eine alte Frau, die ihm
für die Befreiung dankte! Sehr erstaunlich. Noch erstaunlicher war, dass sie das Geheimnis des Dämonen
kannte: man muss ihn besiegen, die sterblichen Überreste auf den Altar von Garlin legen, im Nebenraum
die Ofen anzünden und den Namen des Kaer rufen: Akaren.
Plötzlich schrie Valentin verängstigt auf, und auch Pyco versuchte, sich beim Treppenaufgang zu
verstecken: aus dem Wald kamen drei Schattenmantas auf uns zugeflogen. Diese Wesen haben eine sehr
elegante, geschmiedige Erscheinung, sind aber leider sehr aggressiv. Ich zog meine Klinge, stellte mich
nach vorne und...
Doch ich sehe, dass es spät geworden ist. Bringt mir Speis und Trank, dann werde ich nach dem Essen
von unserer (nun, hauptsächlich meiner) glorreichen Schlacht gegen die Schattenmantas erzählen!
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